Faktencheck 6: «Kernenergie ist zu gefährlich»
Die Gegenkampagne behauptet
«Ein grosser Unfall wie der von Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 würde die Schweiz in ihrer Existenz gefährden.» (Bündnis «Nein zu neuen AKW», Argumentarium «Risiken»)1
Keine Technologie ist ohne Risiko und andere Nachteile. Dies gilt unbestreitbar auch für Kernenergie – die Frage ist, wie hoch dieses Risiko bei modernen Reaktoren tatsächlich ist, und ob der Vergleich mit Tschernobyl und Fukushima sich als Massstab eignet: Beide Kernschmelzen sind durch bauart- und standortspezifische Schwächen geprägt, die auf heutige Schweizer Reaktoren nicht übertragbar sind: Der Reaktor von Tschernobyl war ein graphitmoderierter RBMK-Reaktortyp ohne westliches Containment-Gebäude – ein Design, das in der Schweiz nie zugelassen war und auch heute nirgends mehr gebaut wird. Fukushima war primär Folge eines schweren Erdbebens und anschliessenden Tsunamis – ein Szenario, das an einem Schweizer Binnenstandort geologisch nicht auftreten kann – in Kombination mit nicht eingehaltenen Sicherheitsvorschriften seitens des japanischen Betreiberkonzerns TEPCO.
Eine im März 2026 im Auftrag von economiesuisse erstellte Studie der Universität St. Gallen beziffert erstmals das Risiko für schwere Unfälle bei neuen Reaktoren der Generation 3+: Die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen schweren Unfall mit radioaktivem Austritt liegt rund 100fach tiefer als bei den in der Schweiz gebauten Reaktoren. Selbst unter Berücksichtigung aller Nachrüstungen der bestehenden Flotte ist sie noch rund 10-fach tiefer. Die daraus abgeleiteten theoretischen Versicherungsrisikokosten liegen laut Studie bei CHF 0,000009–0,00009 pro Kilowattstunde – eine Grössenordnung, die keinen messbaren Unterschied zu den Erneuerbaren mehr erkennen lässt.2
Aussagen über die Gefährlichkeit einzelner Technologien ergeben sowieso nur im Vergleich über alle Energieträger hinweg Sinn – inklusive der Folgen des Normalbetriebs, also vor allem der Luftverschmutzung, die in der öffentlichen Debatte regelmässig übersehen wird. Eine vielzitierte Auswertung von Our World in Data, die sowohl Unfälle als auch die Gesundheitsfolgen von Luftschadstoffen einbezieht, beziffert die Todesfälle pro erzeugter Terawattstunde Strom aus Kernenergie mit 0,03, vergleichbar mit Solar und Windenergie. Kohle tötet dagegen 24,6 Menschen pro Terawattstunde – Kernenergie verursacht damit rund 820-mal weniger Todesfälle pro TWh als Kohle.3

Zu einem nahezu identischen Ergebnis kommt eine Analyse von WePlanet und dem Anthropocene Institute zum deutschen Atomausstieg: Da die stillgelegte Kernkraft grösstenteils durch Kohle- und Gasverstromung ersetzt wurde, hat die dadurch verursachte zusätzliche Luftverschmutzung in Deutschland bis März 2026 schätzungsweise über 24'600 vorzeitige Todesfälle verursacht – mehr als sechsmal so viele, wie selbst die pessimistischsten Schätzungen für die Gesamtzahl der Tschernobyl-Todesopfer annehmen (rund 4'000 gemäss WHO), und rund 400-mal so viele wie die unmittelbar dokumentierten Tschernobyl-Todesfälle (60).4 Der Rückzug aus der Kernenergie «im Namen der Sicherheit» hat die Bevölkerung in diesem Fall also einem deutlich grösseren, nur weniger sichtbaren Risiko ausgesetzt.
Ein Bundesratsbericht aus dem Jahr 2015 zitiert Schätzungen des Schadenspotenzials eines Super-GAUs in der Schweiz zwischen 88 Milliarden und 8'000 Milliarden Franken5 – eine Bandbreite, die weniger Unsicherheit widerspiegelt als die Tatsache, dass hier zwei methodisch sehr unterschiedliche, jahrzehntealte Studien herangezogen wurden (am unteren Ende eine EU-Kommissionsstudie aus dem Jahr 1995, am oberen eine Schätzung des BABS aus dem Jahr 2003). Ein sinnvoller Vergleichsmassstab ist die Risikoakzeptanz bei anderer Energieinfrastruktur: Auch Wasserkraft ist nicht risikofrei. Die fast vergessene Vajont-Staudammkatastrophe (Italien, 1963) forderte offiziell 1'917 Todesopfer, nach anderen Schätzungen deutlich über 2'0007. Die Schweiz betreibt heute rund 200 grosse Talsperren unter Bundesaufsicht, ohne dass dies gesellschaftlich als inakzeptables Risiko gilt. – Und dies, obwohl die Dämme immer älter werden und der im Zuge des Klimawandels abtauende Permafrost die Gefahr von Hangrutschen in Stauseen erhöht, das Risiko eines grossen Unfalls also sogar steigt.
Gelegentlich wird auch behauptet, Kernkraftwerke würden in Zeiten steigender globaler Spannungen als mögliches Ziel feindlicher Angriffe ein besonderes Risiko darstellen (etwa vom SP-Nationalrat Jon Pult in einem Beitrag für die «Südostschweiz»8). Tatsächlich ist kein Kernkraftwerk gegen einen gezielten militärischen Angriff ausgelegt: Das gilt aber ebenso für praktisch jede grosse Energie- und Wasserinfrastruktur. – Abermals stellen Staudämme das deutlich grössere und naheliegendere Risiko dar: Im Zweiten Weltkrieg zerstörte die britische Royal Air Force gezielt die Möhne- und Eder-Talsperre (Mai 1943); die resultierende Flutwelle tötete zwischen 1'300 und über 2'400 Menschen, grösstenteils Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.9 Im Juni 2023 wurde im Ukraine-Krieg der Kachowka-Staudamm zerstört – mit mindestens 62 bestätigten Toten, bis zu 60'000 Menschen in unmittelbarer Gefahr und weitreichenden ökologischen Folgen.10 Diese beiden Beispiele zeigen: Das Risiko militärischer Zerstörung von kritischer Infrastruktur ist real, aber kein spezifisches Kernenergie- Problem – es trifft grossflächige Wasserkraftinfrastruktur historisch nachweislich härter und häufiger, ohne dass deshalb ein Verzicht auf Wasserkraft gefordert wird.
Quellen (10)
- [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», «Atomkraft ist riskant»: https://www.neue-akw-nein.ch/argumente/risiken ↩
- [2] economiesuisse, «Studie zeigt erstmals: Zahlen neue Generationen von Kernkraftwerken bringen massive Sicherheitsgewinne» (11. März 2026): https://www.economiesuisse.ch/de/artikel/studie-zeigterstmals-zahlen-neue-generationen-von-kernkraftwerken-bringen-massive ↩
- [3] Our World in Data, «What are the safest and cleanest sources of energy?» (Datentabelle «Death rates from energy production per TWh»): https://ourworldindata.org/safest-sources-of-energy ↩
- [4] WePlanet / Anthropocene Institute, «Deutschlands Atomausstieg – Die wahren Kosten für Menschen, Klima und Wirtschaft» (März 2026): https://weplanet-dach.org/wp-content/uploads/2026/03/WePlanet-German-Report-2026.pdf ↩
- [5] Bundesrat, «Haftungsrisiko des Staates bezüglich Atomkraftwerken» (Bericht in Erfüllung des Postulats 11.3356, 21. Januar 2015), S. 10: https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/38020.pdf ↩
- [6] Wikipedia, «Reaktor Lucens»: https://de.wikipedia.org/wiki/Reaktor_Lucens ↩
- [7] Wikipedia, «Vajont-Staumauer»: https://de.wikipedia.org/wiki/Vajont-Staumauer ↩
- [8] Jon Pult, «Neue AKW? Nein danke», Südostschweiz, «Berner Politik» (14. Juli 2026): https://www.suedostschweiz.ch/graubuenden/neue-akw-nein-danke-2043706 ↩
- [9] Wikipedia, «Operation Chastise»: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Chastise ↩
- [10] Wikipedia, «Zerstörung des Kachowka-Staudamms»: https://de.wikipedia.org/wiki/Zerstörung_des_Kachowka-Staudamms ↩