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Faktencheck · 14. September 2026

Faktencheck 7: «Die Schweiz kann Netto-Null 2050 auch ohne Kernenergie erreichen»

Die Gegenkampagne behauptet

«Die Schweiz wird ihren Strombedarf mit den Erneuerbaren decken können.» (Bündnis «Nein zu neuen AKW», Medienmitteilung zum Nationalratsentscheid)1

Belegt wird diese Aussage mit einer Studie der Schweizerischen Energie-Stiftung vom November 2025, die sogar noch weiter geht: Schon die blosse Aufhebung des Neubauverbots würde demnach den Ausbau der Erneuerbaren bremsen und dadurch die Klimaziele gefährden.2 Unabhängig davon findet die These, die Schweiz könne ihren zukünftigen Strombedarf auch ohne Kernenergie decken, Rückhalt in einer im Juni 2026 veröffentlichten Studie der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts.3

Anders als bei Behauptung 3 geht es hier nicht um die Bilanz von heute, sondern um ein Modell für 2050 – und ein Modell liefert das Ergebnis, das seine Annahmen zulassen. Die Ergebnisse müssen deshalb eingeordnet werden, denn «technisch machbar» ist nicht dasselbe wie «ohne Zielkonflikte». Erstens zeigt dieselbe Studie, dass die Schweiz ohne Kernkraft ähnlich wie heute auch 2050 im Winterhalbjahr zwischen 5,4 und 12,4 TWh Strom importieren müsste. Zum Vergleich: Zuletzt waren es zwischen Oktober 2025 und März 2026 rund 7 TWh, während lediglich ein einziges Kernkraftwerk in Revision war.3 «Netto-Null» ist das nur, wenn dieser Importstrom erstens tatsächlich verfügbar und zweitens sauber ist – beides Voraussetzungen, die die Schweiz nicht selbst gestalten kann, sondern von Entwicklungen im übrigen Europa abhängt. Der Engpass liegt in der Winter-Versorgungssicherheit – und die löst sich mit dem Verzicht auf neue Kernkraftwerke nicht auf.

Zweitens blendet die ETH/PSI-Studie in ihrem Szenario eine wichtige Unsicherheit aus: Die direkte Alternative zur regelbaren Kernenergie gilt die Wasserkraft aus Speicherseen, da sie ebenfalls regelbar ist, und damit potentiell eine ähnliche Rolle im Energiemix einnehmen könnte – anders als und ergänzend zu Solar- oder Windstrom. Die Verlässlichkeit der Wasserkraft steht jedoch wegen des Klimawandels auf wackligen Beinen: Nach dem trockensten Frühling seit Messbeginn 1864 fielen die Füllstände der Schweizer Stauseen im Sommer 2026 auf rund 46 Prozent – den tiefsten Stand seit 20 Jahren.4 Auch die weiteren Aussichten sind unsicher: Zwar lassen laut Axpo Gletscherrückgang und mehr Niederschlag die Winterproduktion bis Mitte Jahrhundert zunächst noch leicht steigen.5 Langfristig steht zudem die Infrastruktur unter Druck: Das Bundesamt für Umwelt rechnet damit, dass Gletscherschwund, auftauender Permafrost und häufigere Starkniederschläge die Naturgefahrensituation für die alpinen Wasserkraftanlagen verschärfen und Speicherseen durch Sedimenteintrag schneller verlanden.6

Stromproduktion aus Wasserkraft unter dem langjährigen Mittel (Sommer 2026)
Stromproduktion aus Wasserkraft unter dem langjährigen Mittel (Sommer 2026)

Eine Netto-Null-Strategie, die zentral auf regelbare Wasserkraft setzt, verlässt sich also ausgerechnet auf jene Stromquelle, deren Verlässlichkeit der Klimawandel selbst untergräbt – ein Risiko, das bei einer wetterunabhängigen Technologie wie Kernenergie gar nicht erst entsteht. Der Sommer 2026 hat das vorgeführt: Nach Einschätzung der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL war die Trockenheit aussergewöhnlich, die alpinen Speicherseen füllten sich deutlich langsamer als üblich, und wegen der niedrigen Pegelstände produzierten auch viele Laufwasserkraftwerke nur mit reduzierter Leistung.7 Öffentlich diskutiert wurde derweil vor allem, dass zwei Blöcke des Kernkraftwerks Beznau wegen zu warmen Kühlwassers zeitweise heruntergefahren werden mussten8 – letzteres ist allerdings ein Auslegungsproblem, das sich durch Nachrüstung oder im Neubau leicht lösen lässt: Beispielsweise kühlt das KKW Gösgen schon seit 1970 über einen Naturzug-Kühlturm statt über Flusswasser und blieb entsprechend von den Drosselungen verschont.9 Dass Leistungsreduktionen bei Kernkraftwerken in der Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit erhielten, die Probleme der Wasserkraft aber kaum, verschleiert den Blick auf die tatsächlichen Versorgungsrisiken.

«Technisch machbar» ist auch nicht dasselbe wie «kostengünstiger», und auch dort lohnt sich der Blick auf die oben zitierte Studie: Demnach wären neue Kernkraftwerke erst bei Baukosten von höchstens rund CHF 8’000 pro Kilowatt konkurrenzfähig. Bei CHF 5’000 pro Kilowatt wären dagegen 2,6 bis 4,9 Gigawatt neue Kapazität wirtschaftlich sinnvoll.3 Die Studie setzt aber CHF 12’000 an, vermutlich massgeblich geprägt vom französischen Flamanville-3-Projekt. Zieht man stattdessen wie die bereits in Behauptung 5 zitierte BAK-Economics-Studie den finnischen Reaktor Olkiluoto 3 als Referenz heran, ergibt sich ein deutlich günstigeres Bild: Bei Gesamtprojektkosten von rund €11 Milliarden und einer Kapazität von 1’600 Megawatt entspricht das rund CHF 6’500 pro Kilowatt10 – also einem Wert unterhalb der CHF 8’000-Schwelle, ab der die ETH/PSI-Studie neue Kernkraftwerke für konkurrenzfähig hält. Zwar ist unklar, ob ein Ersatzneubau unter Schweizer Regulierung, Bewilligungsverfahren und Lohnkostenniveau tatsächlich zu vergleichbaren Kosten wie in Finnland realisierbar wäre, umgekehrt war Olkiluoto 3 allerdings der erste Reaktor seiner Serie und trug hohe «First-of-a-kind»-Mehrkosten sowie einen 14-jährigen Bauverzug – spätere Projekte derselben Reaktorfamilie sollten günstiger ausfallen.

Netto-Null 2050 ohne neue Kernkraftwerke mag in den Modellen also technisch möglich erscheinen – ob sich das Ziel so aber auch praktisch erreichen lässt (und zu welchen Kosten) ist mehr als unsicher. Die Importabhängigkeit der Schweiz von den europäischen Nachbarn bliebe in etwa auf heutigem Niveau, die Verlässlichkeit der Wasserkraft für Grundlast und Regelleistung ist durch den Klimawandel mit Unsicherheit behaftet, und die weitere Entwicklung der Kosten letztlich unklar. Zielkonflikte und Risiken lassen sich also nicht auflösen, indem man Kernenergie ausschliesst – sie verschieben sich lediglich von bekannten Risiken (Bau- und Finanzierungskosten neuer Kernkraftwerke) zu mehreren schwierig zu überblickenden Risiken.

Insgesamt ist dies ein hohes Mass an Unsicherheit. Eine gute Faustregel für Entscheidungsfindung unter hoher Unsicherheit besagt, dass man sich für robuste Pfade entscheiden sollte, die sich unter möglichst vielen denkbaren Umständen bewähren. Das verlangt vor allem, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten. Auch die Kernenergie.11

Quellen (11)
  1. [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», Medienmitteilung zum Nationalratsentscheid: https://www.neue-akw-nein.ch/aktuelles/nationalrat-oeffnet-das-tor-fuer-neue-akwstimmbevoelkerung-wird-fehlentscheid-korrigieren ↩
  2. [2] Epprecht, N. / Hälg, L., «Politikfolgenabschätzung zur Aufhebung des AKW-Neubauverbots: Szenarien + Auswirkungen bei Zulassung neuer AKW», Schweizerische Energie-Stiftung, 14. November 2025: https://energiestiftung.ch/files/energiestiftung/Studien/2025_Politikfolgenabschaetzung/20251117_SES_St udie_Politikfolgenabschaetzung_publ.pdf ↩
  3. [3] ETH Zürich / PSI, «When new nuclear power plants are worth it in Switzerland» (29. Juni 2026): https://ethz.ch/en/news-and-events/eth-news/news/2026/06/when-new-nuclear-power-plants-areworth-it-in-switzerland.html ↩
  4. [4] 20 Minuten, «Stauseen auf Rekordtief: Warum die Schweizer Stromversorgung trotzdem gesichert ist» (Juli 2026): https://www.20min.ch/story/tiefe-pegelstaende-was-passiert-wenn-die-schweizer-stauseenaustrocknen-103604832 ↩
  5. [5] Axpo, «Höhere Stromproduktion im Winter»: https://www.axpo.com/ch/de/ueberuns/magazin.detail.html/magazin/erneuerbare-energien/Hoehere-Stromproduktion-im-Winter.html ↩
  6. [6] BAFU (Hrsg.) 2021: Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Gewässer, Umwelt-Wissen Nr. 2101, Kap. 7.1.3.: https://www.bafu.admin.ch/dam/de/sd-web/cPLO37edEVrg/auswirkungen-desklimawandels-auf-die-schweizer-gewaesser.pdf ↩
  7. [7] WSL, «Trockenheit 2026: Häufige Fragen und Antworten»: https://www.wsl.ch/de/metanavigation/im-fokus/trockenheit-2026-haeufige-fragen-und-antworten/ ↩
  8. [8] Blick, «Weil Aare zu heiss ist: Kernkraftwerk Beznau fährt beide Blöcke herunter»: https://www.blick.ch/schweiz/mittelland/aargau/weil-aare-zu-heiss-ist-kernkraftwerk-beznau-faehrtbeide-bloecke-herunter-id22150131.html ↩
  9. [9] NZZ, «Kernkraftwerke mit Kühltürmen bestehen auch bei Hitze und Trockenheit» (Meinungsbeitrag): https://www.nzz.ch/meinung/kernkraftwerke-mit-kuehltuermen-bestehen-auch-bei-hitze-undtrockenheit-ld.10018893 ↩
  10. [10] Eigene Berechnung auf Basis: POWER Magazine, «Olkiluoto 3 Finally Online in Finland» (2023): https://www.powermag.com/olkiluoto-3-finally-online-in-finland-germany-closes-last-three-nuclearplants/; World Nuclear Association, Reactor Database «Olkiluoto-3» (Kapazität 1'600 MW): https://world-nuclear.org/nuclear-reactor-database/details/olkiluoto-3 ↩
  11. [11] RAND Corporation, «Robust Decision Making»: https://www.rand.org/pubs/tools/TL320/tool/robust-decision-making.html ↩
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