Faktencheck 2: «Kernenergie macht die Schweiz abhängig vom Ausland»
Die Gegenkampagne behauptet
«Atomkraft mag zwar Strom produzieren, doch sie macht uns direkt und in hohem Masse abhängig von Grossmächten wie Russland, China, Frankreich und den USA.» (Bündnis «Nein zu neuen AKW», «Neue AKW machen uns abhängig vom Ausland»)1
Die Behauptung nennt vier Länder in einem Atemzug – und trifft damit zugleich zu viel und zu wenig. Zu viel, weil Abhängigkeit von Frankreich und den USA nach demselben Massstab auch gegen Solarmodule aus China oder Gas aus Norwegen spräche; nach diesem Kriterium bliebe keine Technologie übrig. Zu wenig, weil sie Uranabbau und die nachgelagerte Produktion der Brennstäbe vermischt – also vor allem die Anreicherung des spaltbaren Urans, um die es tatsächlich geht.
Beim Rohstoff selbst ist die Lage unproblematisch. Das oft genannte Russland fördert nur einen kleinen Bruchteil des weltweit abgebauten Urans. Mit Abstand grösster Förderer ist Kasachstan, gefolgt von Kanada, Namibia, Australien und Usbekistan – erst dann folgt Russland auf Rang sechs.2 Schon die Vielfalt der Lieferanten schliesst eine Abhängigkeit aus. Der Engpass liegt in der Weiter-verarbeitung: Weil westliche Firmen diese Schritte in der Vergangenheit aus Kostengründen gerne auslagerten, kontrolliert der russische Staatskonzern Rosatom derzeit rund ein Drittel der weltweiten Konversions- und fast die Hälfte der Anreicherungskapazität. Der Fehler wurde allerdings spätestens nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erkannt. Seitdem bauen westliche Anbieter wie Urenco und Orano ihre eigenen Kapazitäten aus.3 Orano erweitert seine Anlage Georges-Besse II in Frankreich mit Unterstützung der Europäischen Investitionsbank, auch Urenco hat seine Anreicherungskapazität spürbar gesteigert.4

Im Vergleich zu früheren Jahren hat sich die Lage inzwischen spürbar verändert: Bereits kurz nach Kriegsbeginn beschloss Axpo, in Zukunft keine neuen Verträge mit russischen Lieferanten abzuschliessen und «auf russische Lieferanten in der ganzen Lieferkette zu verzichten». Im Februar 2025 unterzeichnete der Konzern dafür neue Brennstoffverträge mit Förderunternehmen aus Kanada und Kasachstan; die Brennstoffversorgung von Leibstadt und Beznau ist laut Axpo dank vorhandener Reserven bereits seit 2022 nicht mehr auf russische Quellen angewiesen.5 Zwar widerspricht Greenpeace dieser Darstellung und verweist auf indirekte Lieferungen über Umwege6, doch der Trend ist eindeutig: Die Abhängigkeit war real, sinkt inzwischen, ist aber noch nicht restlos beseitigt – typisch für eine Übergangsphase, wie sie derzeit auch andere europäische Länder durchlaufen.
Für die zur Abstimmung stehende Frage ist die aktuelle Situation sowieso nicht entscheidend: In der Neubaufrage geht es um Kraftwerke, die frühestens in den 2040er-Jahren ans Netz gehen würden. Wer eine sichere, breit abgestützte Brennstoffversorgung will, sollte also nicht auf neue Kernkraftwerke verzichten, sondern von Anfang an auf westliche Lieferverträge und Flexibilität setzen – wie Axpo es auch für die bestehenden Anlagen inzwischen vormacht.

Quellen (6)
- [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», «Neue AKW machen uns abhängig vom Ausland»: https://www.neue-akw-nein.ch/argumente/abhaengigkeit ↩
- [2] World Nuclear Association, «World Uranium Mining Production» (Förderzahlen 2024): https://worldnuclear.org/information-library/nuclear-fuel-cycle/mining-of-uranium/world-uranium-mining-production ↩
- [3] Avenir Suisse, «Des Pudels Kern(brennstoffe)?»: https://www.avenir-suisse.ch/des-pudels-kernbrennstoffe/ ↩
- [4] Nuklearforum Schweiz, «Frankreich erweitert Urananreicherungsanlage mit EIB-Unterstützung»: https://www.nuklearforum.ch/de/news/frankreich-erweitert-urananreicherungsanlage-mit-eib-unterstuetzung ↩
- [5] Axpo, Medienmitteilung «Axpo unterzeichnet neue Brennstoffverträge für Kernkraftwerke», 17. Februar 2025: https://www.axpo.com/ch/de/newsroom/medienmitteilungen/2025/axpo-signs-new-fuelcontracts-for-nuclear-power-plants-.html ↩
- [6] Greenpeace Schweiz, «Uran für die Atomkraftwerke der Axpo: Russlands langer Schatten», Mai 2026: https://www.greenpeace.ch/static/planet4-switzerland-stateless/2026/05/20260528-Uran-fuer-die- Atomkraftwerke-der-Axpo_-Russlands-langer-Schatten-Volltext.pdf ↩