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Faktencheck · 10. September 2026

Faktencheck 3: «Der ‹Schweizer Weg› mit Solar, Wind und Wasser ist bereits ein Erfolg»

Die Gegenkampagne behauptet

«Dieser Weg ist erfolgreich: Die Schweiz kann ihren Strombedarf mit einheimischer Energie aus Solar-, Wind- und Wasserkraft decken.» (Bündnis «Nein zu neuen AKW», Medienmitteilung vom 19. Juni 2026)1

Das stimmt weder heute noch in den eigenen Zukunftsszenarien der Stromwirtschaft. Schon jetzt kann die Schweiz ihre Nachfrage im Winterhalbjahr nur mit Importen decken – allein in der ersten Novemberwoche 2025 importierte sie 194 GWh, nachdem die Bilanz nach einem exportstarken Sommer Ende Oktober gekippt war.2 Auch für 2050 sieht es gemäss dem Update der Studie «Energiezukunft 2050» des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) vom Januar 2025 nicht nach reiner Eigenversorgung aus: Selbst bei vollständiger Umsetzung des Stromgesetzes – also einem Ausbau der Erneuerbaren auf 45 TWh bis 2050 – bleiben Nettoimporte von bis zu 5 TWh im Winterhalbjahr nötig, dazu eine «ergänzende Produktion» aus Gaskraftwerken. Diese sollen «idealerweise mit klimaneutralen Gasen betrieben» werden; die Modellierung rechnet allerdings mit fossilem Erdgas und CO₂-Abscheidung, weil Wasserstoff und biogene Gase «wegen der hohen Kosten» nicht zum Zug kommen. Und für den Fall, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht gelingt, hält der Verband fest: Der Bedarf an ergänzender Produktion im Winterhalbjahr verdoppelt sich, und sie kann dann «unter Umständen im Fall von ‹Gas› inländisch nicht mehr vollständig klimaneutral erfolgen. Umso schwieriger und teurer wird die Erreichung der Klimaneutralität.»3

Und diese Abhängigkeit dürfte ohne Kernkraft tendenziell weiter steigen: Schon eine kürzere Laufzeit der bestehenden Reaktoren – von 60 auf 50 Jahre – lässt die Winterimporte laut ETH/PSI-Whitepaper «Versorgungssicherheit» von 2 auf 4 TWh (2030) beziehungsweise von 5 auf 9 TWh (2040) steigen.4 Eigentlich wenig überraschend: Fällt Kernkraftkapazität weg, ohne dass etwas anderes eins zu eins nachrückt, erhöht sich die Abhängigkeit von Importen. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob sich der aggressive Ausbau der Erneuerbaren, wie ihn Szenarien wie das obige voraussetzen, in der Praxis erreichen lässt: Der Windkraftausbau kommt seit Jahren nicht voran – die Schweiz zählt gerade einmal 50 Windkraftanlagen, die zusammen weniger als 0,5 Prozent des Strommixes liefern, während Bewilligungsverfahren über 20 Jahre dauern und Projektgegner «sämtliche juristischen Möglichkeiten ausreizen, um die Projekte zu verzögern», so Suisse-Eole-Sprecher Olivier Waldvogel.5 Auch bei der hochalpinen Solarenergie wächst der Widerstand: Über den 2022 als dringliches Bundesgesetz eingeführten «Solarexpress» – der grosse alpine Solaranlagen mit bis zu 60 Prozent der Investitionskosten fördert und rascher bewilligen soll – sind derzeit noch rund 30 grosse Anlagen in Planung, doch eine ähnlich hohe Zahl wurde bereits abgelehnt oder zurückgezogen. Im Kanton Wallis, wo das Programm politisch initiiert wurde, stand Ende 2025 noch keine einzige Anlage.6 Der «Schweizer Weg» ist nicht nur eine Frage des Potenzials, sondern auch der politischen und rechtlichen Realität.

Die Lücke zwischen sauberer Produktion und Nachfrage schlägt sich direkt im CO₂-Fussabdruck nieder – und zwar unabhängig davon, ob man die Schweizer Eigenproduktion oder den tatsächlichen Verbrauch misst. Gemäss dem «Grid Review 2025»-Bericht von Electricity Maps lag die Schweiz 2025 produktionsbasiert bei knapp 29 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde, doch verbrauchsbasiert, also inklusive der tatsächlichen Herkunft der Importe, waren es mit 50 Gramm fast doppelt so viel. Noch deutlicher zeigt sich die saisonale Schwäche: Im Sommer 2025 bewegte sich die verbrauchsbasierte Intensität zwischen 28,8 und 38,4 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde, im Winter dagegen zwischen 39,3 und 90,8 Gramm – der winterliche Spitzenwert lag also gut dreimal so hoch wie der sommerliche Tiefstwert.7 Die VSE-Prognose bis 2050 geht zwar von einer weiteren Verbesserung aus, aber ausdrücklich nur unter der Annahme, dass Gaskraftwerke «als ergänzende Produktion notwendig sein werden» – nicht, weil Solar, Wind und Wasser allein genügen.8

Die Erzählung vom erfolgreichen Schweizer Weg auf Basis von Sonne, Wind und Wasser hält also schon der Gegenwart nicht stand: Sie beschreibt nicht, was ist, sondern was man sich erhofft. Ob der Weg wenigstens bis 2050 aufgeht, ist eine eigene Frage – sie wird in Behauptung 7 behandelt.

Quellen (8)
  1. [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», Medienmitteilung vom 19. Juni 2026: https://www.neue-akwnein.ch/aktuelles/buendnis-nein-zu-neuen-akw-bereitet-referendum-gegen-atom-gesetz-vor ↩
  2. [2] 20 Minuten, «Darum ist die Versorgung der Schweiz mit Strom gefährdet», 29. März 2026: https://www.20min.ch/story/atomdebatte-darum-ist-die-versorgung-der-schweiz-mit-stromgefaehrdet-103372965 ↩
  3. [3] VSE, «Resiliente Stromversorgung: Gesamtsystem fit machen für neue Realitäten – Update EZ2050, Erläuterungsbericht», 9. Januar 2025. Ausbauziel 45 TWh und Winterimportgrenze von maximal 5 TWh gemäss Stromgesetz: S. 8 f.; Variante «Gaskraftwerke» und Kostenbegründung für Erdgas mit CO₂- Abscheidung: S. 18; Szenario «NIMBY» mit verdoppeltem Bedarf an ergänzender Produktion: S. 31. https://www.strom.ch/de/media/15193/download ↩
  4. [4] ETH Zürich / PSI, Whitepaper «Versorgungssicherheit» (Energy Science Center, Juni 2026), Abbildung 8: https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/mavt/energy-science-centerdam/research/publications/ETH_Zurich_ESC_Whitepaper_Versorgungssicherheit.pdf ↩
  5. [5] Windkraft-Journal, «Entwicklung der Windenergie in der Schweiz», 13. Februar 2026 (Zitat Olivier Waldvogel, Suisse-Eole): https://www.windkraft-journal.de/2026/02/13/entwicklung-der-windenergie-in-der-schweiz/221485 ↩
  6. [6] SWI swissinfo.ch, «Schweizer Solar-Offensive in den Alpen: Das sind die ersten Erkenntnisse», 29. Januar 2026: https://www.swissinfo.ch/ger/klimaanpassung/schweizer-solar-offensive-in-den-alpen-das-sinddie-ersten-erkenntnisse/90760813 ↩
  7. [7] Electricity Maps, «Electricity Grid Review 2025: Switzerland»: https://www.electricitymaps.com/grid-in-review-2025/switzerland ↩
  8. [8] VSE, «CO₂-Gehalt des Schweizer Strommixes und Prognose bis 2050»: https://www.strom.ch/de/nachrichten/vse-publiziert-aktuellen-co2-gehalt-des-schweizer-strommixesund-prognose-bis-2050 ↩
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