Faktencheck 4: «Atommüll ist ein ungelöstes Problem»
Die Gegenkampagne behauptet
«Atommüll [ist ein] Toxisches Erbe ohne Lösung. Für die Entsorgung wird seit Jahrzehnten eine Lösung gesucht – bisher ohne Erfolgsmeldung.» (Bündnis «Nein zu neuen AKW»)1
Das ist so nicht mehr richtig: Die Schweiz hat die Standortfrage inzwischen gelöst. Nach über 50 Jahren Forschung und einem mehrstufigen, wissenschaftlich begleiteten Auswahlverfahren hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) 2024 das Rahmenbewilligungsgesuch für ein geologisches Tiefenlager im Gebiet Nördlich Lägern (Gemeinde Stadel ZH) eingereicht. Der Fels dort besteht vorwiegend aus Opalinuston – einem sehr dichten, wasserundurchlässigen Tongestein, in dem die hoch radioaktiven Abfälle bis zu einer Million Jahre sicher eingeschlossen werden sollen. Vorarbeiten sollen ab 2034 erfolgen, der eigentliche Baustart ist für 2045 geplant, die geschätzten Kosten liegen bei rund CHF 12 Milliarden.2 Zumindest für die Abfälle der bestehenden Kernkraftwerke ist das «ungelöste Problem» also technisch und standorttechnisch gelöst – was bleibt, ist ein langer, aber vorhersehbarer Bewilligungs- und Bauprozess.
Gelegentlich wird von Seiten der Kernkraftgegner behauptet, das geplante Tiefenlager reiche nicht für zukünftige Abfälle aus neuen Kraftwerken. Das ist eine Halbwahrheit: Richtig ist, dass das aktuelle Rahmenbewilligungsgesuch der Nagra ausdrücklich nur für die Abfälle der bestehenden Anlagen ausgelegt ist.3 Dahinter steht aber keine geologische Grenze, sondern lediglich der Umfang des laufenden Gesuchs: Neubauten waren bisher verboten und daher schlicht nicht Teil der Planung. Geologisch gebe es am Standort weiterhin Platz, so die Nagra.4 Für neue Kraftwerke bräuchte es also ein separates oder erweitertes Bewilligungsverfahren, aber keinen komplett neuen Lagerstandort – ein administrativer und regulatorischer Zusatzschritt, kein ungelöstes Problem.
Obwohl Atommüll ein ernstzunehmender Gefahrstoff ist, der einen langfristigen, sorgfältigen Einschluss weit ausserhalb der Biosphäre erfordert, wird seine Gefährlichkeit in der öffentlichen Debatte oft überzeichnet – dies gilt insbesondere im Vergleich zu anderen langfristig gefährlichen Abfällen: Erstens bleibt die Giftigkeit von Atommüll nicht konstant, sondern nimmt mit der Zeit messbar ab. Bei Einlagerung (ca. 20 Jahre nach Entnahme aus dem Reaktor) entspricht die Radiotoxizität – die Giftigkeit eines Stoffs im Fall einer Aufnahme, verglichen mit der akut-toxischen Dosis bekannter Gifte – hoch radioaktiven Abfalls in etwa der akuten Giftigkeit starker chemischer Gifte, doch nach rund 20’000 Jahren sinkt sie unter die akute Toxizität von natürlichem Uran (LD50 ca. 5 Gramm), und nach rund 50’000 Jahren entspricht die Toxizität in etwa der von Aspirin (LD50 ca. 20 Gramm).5 Zum Vergleich: Andere dauerhaft untertage gelagerte Giftstoffe wie Quecksilber, Cyanide oder Arsenverbindungen – etwa die über 3,2 Millionen Tonnen Sondermüll im deutschen Endlager Herfa-Neurode – bleiben chemisch für immer giftig; ihre Gefährlichkeit sinkt nie.6
Zweitens ist hoch radioaktiver Abfall ein fester, keramikähnlicher Stoff, was die Ausbreitung im Vergleich zu flüssigen oder gasförmigen Schadstoffen deutlich erschwert. Eine Worst-Case- Rechnung der Nagra für das geplante Tiefenlager Nördlich Lägern zeigt dies deutlich: Selbst wenn die stählernen Lagerbehälter fehlten oder bereits nach kurzer Zeit vollständig durchgerostet wären, bliebe die Strahlendosis für die am stärksten betroffene Person in allen rund 45’000 berechneten Fällen unter dem Schutzkriterium von 0,1 Millisievert pro Jahr – knapp einem Fünfzigstel der natürlichen Strahlenbelastung in der Schweiz. Im wahrscheinlichsten Szenario liegt sie sogar um den Faktor 1000 darunter.7 Vergleichbare Worst-Case- Rechnungen für das finnische Tiefenlager Onkalo kamen bei ähnlichen Extremannahmen zu ähnlich niedrigen Dosiswerten. Beide Eigenschaften – abnehmende statt konstanter Gefährlichkeit, feste statt flüssiger oder gasförmiger Form – sorgen in Verbindung mit einem Sicherheitskonzept, das selbst ein Totalversagen der Behälter auffängt, dafür, dass Atommüll technisch beherrschbar ist.
Quellen (7)
- [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», «Atommüll: Toxisches Erbe ohne Lösung»: https://www.neue-akw-nein.ch/argumente/atommuell ↩
- [2] EKZ Blue, «Nagra – sichere Lösung für das drängende Problem mit dem Atommüll» (2025): https://www.ekz.ch/de/blue/wissen/2025/nagra.html ↩
- [3] SRF, «Atom-Endlager in Stadel ZH: Nagra-Chef – Es gibt keinen Plan B», 19. November 2024: https://www.srf.ch/news/schweiz/atom-endlager-in-stadel-zh-nagra-chef-es-gibt-keinen-plan-b ↩
- [4] Nau.ch, «Am Endlager-Standort hätte es genug Platz für Abfall weiterer AKWs»: https://www.nau.ch/news/wirtschaft/am-endlager-standort-hatte-es-genug-platz-fur-abfall-weitererakws-67147272 ↩
- [5] Rainer Moormann, «Atommüll – Ungelöstes, unlösbares Problem?» (2021), unter Verweis auf R. Kathren, «Acute Chemical Toxicity of Uranium» (NRC, 2008) ↩
- [6] Wikipedia, «Untertagedeponie Herfa-Neurode»: https://de.wikipedia.org/wiki/Untertagedeponie_Herfa-Neurode ↩
- [7] Nagra, «Die Nagra rechnet selbst mit dem Schlimmsten – Worst-Case-Szenarien»: https://nagra.ch/die-nagra-rechnet-selbst-mit-dem-schlimmsten-worst-case-szenarien/ ↩