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Faktencheck · 12. September 2026

Faktencheck 5: «Kernenergie ist zu teuer»

Die Gegenkampagne behauptet

«Ein einziger Bau verschlingt rund 25 Milliarden [Franken].» Atomkraft sei «ein Milliardengrab mit zusätzlichen negativen Effekten». (Bündnis «Nein zu neuen AKW», Argumentarium «Kosten»)1

Die Kostenfrage ist berechtigt, wird aber oft einseitig dargestellt. Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie von BAK Economics im Auftrag von economiesuisse schätzt die Investitionskosten für ein neues Kernkraftwerk (ein Reaktor des Typs EPR-1600, Inbetriebnahme 2050) auf rund CHF 17,25 Milliarden – deutlich unter den von Gegnern zitierten CHF 25 Milliarden. Der Unterschied ergibt sich vor allem aus der Berechnungsgrundlage: BAK Economics stützt sich auf die Baukosten des finnischen Reaktors Olkiluoto 3 statt auf das französische Projekt Flamanville 3, dessen Kosten laut den Studienautoren stärker von einmaligen Sonderfaktoren geprägt waren. Über die gesamte 60-jährige Betriebsdauer gerechnet, prognostiziert die Studie einen jährlichen volkswirtschaftlichen Wertschöpfungseffekt von CHF 1,6 Milliarden und gut 2'900 Arbeitsplätze; ab Betriebsbeginn 2050 sollen zudem die Grosshandelspreise für Strom sinken.2

Zwar geht die Studie davon aus, dass die Markterlöse nur rund 55 Prozent der Stromgestehungskosten decken würden (64 gegenüber 115,5 CHF pro Megawattstunde) – die Differenz von rund CHF 625 Millionen pro Jahr müsste durch staatliche Unterstützung ausgeglichen werden, und zwar nicht einmalig, sondern durchgehend über die gesamte Betriebsdauer von 60 Jahren. Das klingt gewaltig, ist aber letztlich nicht höher als die Förderung anderer Energieträger auch – dies lässt sich am Beispiel der alpinen Solaranlagen zeigen: Auf Basis der durchschnittlichen Investitionskosten von CHF 4'048 pro kWp installierter Leistung für Solarexpress-Projekte3 und der maximalen Einmalvergütung von 60 Prozent der Investitionskosten4 ergibt sich eine Förderung von rund CHF 2'429 pro kWp installierter Leistung. Alpine Solaranlagen können höhere Produktionszahlen erreichen als Anlagen im Mittelland – 1'400 kWh pro kWp sind durchaus realistisch. Doch auch für so hohe Produktionszahlen ergibt sich bei einer plausiblen Betriebsdauer von 30 Jahren eine Förderung von rund CHF 58 pro Megawattstunde – mehr als die CHF 51,5 (115,5 minus 64), die neue Kernkraftwerke laut den Studienautoren benötigen. Berücksichtigt man zusätzlich die übliche Moduldegradation von rund 0,5 Prozent pro Jahr, liegt der Durchschnittsertrag über 30 Jahre etwa 7 Prozent tiefer, und die benötigte Förderung steigt sogar auf CHF 62 pro Megawattstunde.

Ebenfalls im Jahr 2026 erschien eine Analyse der Axpo, die mit etwas anderer Methodik zu ähnlichen Zahlen kommt: Demzufolge hat Kernkraft tatsächlich einen höheren Förderbedarf als Wind oder Freiflächensolar. Den mit Abstand höchsten Förderbedarf – rund viermal so hoch wie Kernkraft – hat allerdings Dachsolar.5

Richtig ist, dass heutzutage kaum ein grosses Infrastrukturprojekt ohne staatliche Förderung auskommt. Das gilt tatsächlich auch für Kernkraftwerke. Gerade deshalb kommt es auf die Grösse der notwendigen Förderung an, und darauf, was jeder einzelne Förderfranken bewirkt: Laut der oben zitierten Studie von BAK Economics resultiert aus jedem eingesetzten Förderfranken eine Bruttowertschöpfung von 2,50 Franken sowie direkte Steuererträge von 15 Rappen; bereinigt um die Förderkomponente verbleibt ein Netto-BIP-Effekt von 1,50 Franken. Berücksichtigt man weitere Effekte – gedämpfte saisonale Preisspitzen und geringeres Mangellagerisiko mit 0,80 Franken, Klima- und Umweltnutzen mit 1,90 Franken –, steigt der Nutzen brutto auf 5,20 und netto auf 4,20 Franken je Förderfranken.2 (Für andere Energiesysteme fehlen vergleichbare Analysen. Strukturelle Gründe wie die hohe Importabhängigkeit bei Solarmodulen und Komponenten lassen aber vermuten, dass die inländische Wertschöpfung pro Franken eher niedriger ausfällt als bei Kernkraftwerken.)

Jeder Förderfranken für neue Kernkraftwerke erbringt bis zu 5,20 Franken Wertschöpfung und 15 Rappen direkte Steuererträge
Jeder Förderfranken für neue Kernkraftwerke erbringt bis zu 5,20 Franken Wertschöpfung und 15 Rappen direkte Steuererträge

Kernenergie ist also keineswegs ein «Milliardengrab» ohne volkswirtschaftlichen Nutzen. Dies wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die oben diskutierten Stromgestehungskosten nicht identisch sind mit den Systemkosten einer stabilen Stromversorgung: Hier sind Kosten für Netzausbau, Speicher und Back-up zu berücksichtigen, obendrein bedeutet auch eine höhere Volatilität von Preisen, etwa durch höhere Abhängigkeit von Importen, volkswirtschaftliche Kosten. Die schon erwähnte Axpo-Studie kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass die niedrigsten Kosten im Szenario «Koexistenz» erzielt werden – also mit einer Kombination aus Erneuerbaren, Kernkraft und Gas. Entsprechend gehört die Aufhebung des Neubauverbots und der umgehende Einstieg in die Vorbereitung neuer Kernkraftwerke auch zu den Handlungsempfehlungen der Studie.5

Quellen (5)
  1. [1] Bündnis «Nein zu neuen AKW», «Neue AKW sind extrem teuer und führen zu höheren Strompreisen»: https://www.neue-akw-nein.ch/argumente/kosten ↩
  2. [2] BAK Economics / economiesuisse, «Volkswirtschaftliche Auswirkungen eines Ersatzneubaus der Schweizer Kernkraftwerke» (Juli 2026): https://backend.economiesuisse.ch/sites/default/files/2026-07/BAK_Economics_ecnoomiesuisse_Impact-Analyse_KKW-Ersatzneubau.pdf ↩
  3. [3] stromzeit.ch, «Solarexpress: Aktueller Stand beim Ausbau der alpinen Solaranlagen»: https://www.stromzeit.ch/blog/strom-7/solarexpress-aktueller-stand-beim-ausbau-der-alpinensolaranlagen-schweiz-forderziele-deutlich-verfehlt-679 ↩
  4. [4] Bundesamt für Energie (BFE), «Einmalvergütung für PV-Grossanlagen»: https://www.bfe.admin.ch/de/pv-grossanlagen-eiv ↩
  5. [5] Axpo, «Axpo Energy Reports – Synthese» (24. März 2026): https://www.axpo.com/content/dam/axpo19/ch/energyreports/reports/de/Axpo_Energy_Reports_Synthese_DE.pdf ↩
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